Interview mit Nunu Kaller: „Ich hab mein Thema gefunden“

DIe Bloggerin Nunu Kaller hat ein Jahr lang darauf verzichtet, Klamotten zu shoppen. Im 21 DW-Interview erzählt sie von ihrer Mode-Diät, der Geschichte mit den Stiefeln und fair produzierten Klamotten …

Nunu Kaller, "Ich kauf nix"

Als Nunu nicht mehr shoppen ging, lernte sie nähen und schneiderte sich ihre Klamotten ganz einfach selbst (Foto: privat).

Mehr über Nunu lest ihr hier …

Du hast ein Jahr lang darauf verzichtet, Klamotten einkaufen zu gehen. Worauf könntest du im Alltag aber niemals verzichten?

Leiderleider, ich muss es zugeben: auf mein Smartphone. Da steckt echt so viel drin: ebooks, die ich grad les, Musik, die ich grad hör, diverse Kommunikationsprogramma a la Twitter, Facebook, Whatsapp… Echt arg. Ach, und telefonieren kann man ja auch damit 😉 Aber doppelt lustig: im Urlaub hab ich nicht das geringste Problem damit, das Teil einfach mal zwei Wochen zuhause zu vergessen.
Und: Deo. Ich verwende aluminiumfreies Deo (weil Aluminium in Deos in direkten Zusammenhang mit einer höheren Brustkrebsrate stehen und einfach verdammt ungesund ist), das den Nachteil hat, dass es nicht so lange hält. Und ich hasse es zu stinken! 🙂

Gab es einen Moment, in dem du wirklich fast schwach geworden bist?

Jein. Es gab da diese Geschichte mit den Stiefeln. Und mein bester Freund Markus HAT die Schuhe bestellt, ich habe sie mir im Jänner 2013 von seinem Bruder, der noch in Wien lebt, abgeholt:  http://ichkaufnix.wordpress.com/2013/01/22/hellbraunes-gluck/
Regeln nicht gebrochen, aber gebogen 🙂

Was war das schlimmste an deinem Verzicht? Und was das beste?

Das Schlimmste war eigentlich gar nicht der Verzicht – es hat sich gar nicht nach Verzicht angefühlt übrigens -, sondern die vielen Erkenntnisse. Das Feststellen, wie unglaublich beschissen es den Personen geht, die meine Kleidung nähen. Und gleich darauf diese Hilflosigkeit: Was kann ich Wienerin eigentlich tun? Gleich nach Bangladesch fliegen und den Leuten vor Ort helfen? Geld spenden? Dieses Gefühl, nicht umgehend was ändern zu können, war für mich Sturschädel echt unangenehm. Ich habe mich dafür entschieden, immer wieder über diese schlimmen Zustände zu schreiben, damit mehr und mehr Leute davon erfahren. Je mehr Menschen ihre Kaufhandlungen bewusster tätigen, desto eher könnte sich was ändern…

Das Beste: Dieses Gefühl, thematisch angekommen zu sein. Ich hab MEIN Thema gefunden.

War dein Verzicht am Ende eine Bereicherung? Warum?

Absolut. Ich arbeite schon eine ganze Weile im NGO-Business und war immer sehr interessiert an den Themen – doch so richtig gepackt hat mich erst dieses Fair-Fashion-Thema, das ich für mich privat entdeckt habe. Es ist einfach die perfekte Kombination für mich: Einerseits dieser Kampf um Gerechtigkeit und faire Arbeitsbedingungen, der sehr politisch ist und sehr viel Sinn hat, andererseits kann ich bei dem Thema den Modefan (a.k.a. die Tussi 🙂 ) in mir auch ausleben und tolle biofaire Marken und DesignerInnen vorstellen.
Ich sag immer, ich habe meinen persönlichen roten Faden gefunden. Das Thema ist bei mir angekommen, um zu bleiben. Ich habe auch sehr schnell das unfassbare Glück gehabt, dass ich mich wirklich auch beruflich mit fairer Mode beschäftigen darf, als Pressesprecherin und Mitorganisatorin der WearFair & mehr.

Was sind aktuell deine fünf Lieblingsonline-Shops für faire und ökologisch produzierte Mode?

Es gibt viele kleine Anbieter, die toll und fair und bio produzieren. Recherche ist alles. Beispielsweise gibts eine große Auswahl auf www.wearfair.at. Gute Basics finde ich bei maas-natur.de, und bei mir in Wien gibt es eine ganze Reihe an kleinen Boutiquen mit bezahlbarer, toller Mode aus fairer und ökologischer Produktion.

Was empfiehlst du Leuten, die sich gerne “nach der Mode” kleiden, sich aber keine Designer wie Stella McCartney leisten können und sich trotzdem fair produzierte Klamotten wünschen?

Selbst machen! Stricken! Nähen! Das „alte“ Handwerk wieder lernen und erkennen, wie unglaublich cool es ist, selbst Kleidung herzustellen 🙂 Um sich ressourcenschonender zu kleiden, muss man aber auch von diesem „jedem Trend folgen“ wegkommen – und oh Wunder, dann kann man sich trotzdem immer noch stylish und modern kleiden. Ich habe gelernt, Mode mit anderen Augen zu sehen: Was ist nächstes Jahr auch noch tragbar, und brauche ich es wirklich – das sind Fragen, die ich mir jetzt automatisch immer stelle. Denn wer in gute Qualität aus fairer Produktion investiert, hat länger was vom Inhalt seines Kleiderschranks, und hochgerechnet sind die Sachen dann auch nicht zwangsweise teurer als vom Textilschweden. Zumindest bei mir selbst kann ich mich daran erinnern, dass ich mir Shirts oft in doppelter oder sogar dreifacher Ausführung gekauft habe (haben ja nur fünf Euro gekostet), weil ich wusste, die gehen mir eh bald kaputt. Jetzt investiere ich den Preis einfach in ein gutes Shirt.

Was kennzeichnet die Dinge, die man wirklich braucht?

Schwierige Frage, ich glaube, das kann man so gar nicht beantworten. Ist eine Sache der Perspektive: Brauch ich dieses Küchengerät, weil ich damit viel besser kochen kann? Brauch ich diese rote Hose, weil ich rot liebe und keine einzige rote Hose habe? Brauche ich diesen Liter Wasser, weil ich sonst verdurste? Kann man nicht kategorisieren, ist immer eine persönliche Entscheidung und basiert (abgesehen vom Wasser jetzt 🙂 ) am persönlichen Lebensstil.

Was würdest du auf deine allerletzte Reise (also in den Tod) mitnehmen?

Da kann man was mitnehmen? Echt? Wieso hat mir das bisher noch niemand gesagt?! Wobei, was „dorthin“ mitnehmen wäre egoistisch, weil ich es denen Hinterbliebenen wegnehmen würde.

Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan?

Traurig: Ich musste da grad echt lang nachdenken. Dabei liegt die Antwort eh auf der Hand: Ich habe ein Buch geschrieben. Erscheint am 27. November 2013 bei Kiwi: „Ich kauf nix!“

Was macht dir Angst?

Krankheit. Ich bin manchmal familiär so viel von Krankheit umgeben, dass ich oft große Angst um meine Liebsten habe … und selbst bin ich ein kleiner Hypochonder.

Was macht dich richtig wütend?

Herablassende, oberflächliche, arrogante Menschen, die sich für was Besseres halten.

Sommer oder Winter?

Modisch gesehen: WInter. Ich liebe Stiefel.
Ansonsten in jeglicher Hinsicht: Sommer.
Aber am aller aller allerbesten: Herbst. Beste Zeit des Jahres.

3 Dinge für die Insel?

Eine Kiste Bücher, der Liebste, Sonnencreme.
Wobei…Manhattan ist auch eine Insel, oder? Da lebt der beste Freund, da bräucht ich nix mitnehmen außer guter Laune 🙂

Setze fort wie du willst: „Lost in…..“

Reality. Die Überforderung, wie man es denn jetzt eigentlich richtig machen kann, ist zu einem permanenten Begleiter geworden.

Dein letzter Kinofilm?

„Population Boom“ von Werner Boote. Nette Doku!

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