Interview mit Meike Winnemuth: „Im Paradies langweilt man sich“

Meike Winnemuth gewann bei „Wer wird Millionär?“ 500.000 Euro und ging danach auf Weltreise. Im Interview erzählte sie, worauf sie nie verzichten könnte.


 

Mehr Infos zu Meike Winnemuth lest ihr in meinem letzten Post.

Als Sie auf Weltreise gingen, haben Sie in Ihren Koffer nur blaue Klamotten eingepackt. Warum kann Verzicht auch eine Bereicherung sein?

Verzicht ist für mich immer eine Bereicherung. Sich auf möglichst wenig zu beschränken, befreit von Problemen. Das habe ich bereits vor meiner Weltreise festgestellt, als ich ein Jahr lang immer das gleiche blaue Kleid angezogen habe. Für mich bedeutet Verzicht eine Befreiung.

In den 12 Monaten der Weltreise mussten Sie sich ja auch auf wenige Dinge beschränken. Würden Sie heute noch die gleichen Dinge einpacken wie damals?

Ja. Wenn man doch was braucht, kann man es ohnehin kaufen. In San Francisco ist mir zum Beispiel das erste Mal ein bisschen kalt geworden, da habe ich mir halt ein Sweatshirt gekauft. Meine Regel lautet: Für jedes neue Teil muss ein altes weg. Das gilt für meinen Koffer genau so wie für meinen Kleiderschrank. Ich trage nach wie vor nur noch dunkelblau.

Und wenn die Farbe nicht zu Ihrer Stimmung passt?

Für mich ist blau eine neutrale Farbe. Sie passt sehr gut zu meiner norddeutschen Seele. Früher habe ich viel schwarz getragen, heute passt blau besser zu mir. Ich finde den Uniformgedanken sehr gut. Barack Obama hat mal in einer Vanity Fair-Reportage gesagt, er trage immer das gleiche Anzugmodell in grau oder nachtblau. So müsse er eine Entscheidung am Tag weniger treffen. So sehe ich das auch: Es erleichtert das Leben ungemein. Ich habe auch mal ein Experiment gemacht, bei dem ich eine Woche lang alle Schrankleichen getragen habe – also die Kleidungsstücke, die normalerweise ungetragen im Schrank hängen – und meine Mitarbeiter entscheiden sollten, ob ich die Klamotte wegwerfen soll oder nicht. Zu 80 Prozent konnten die Sachen weg.

Was war das schlimmste Teil?

Ich erinnere mich dunkel an einen lachsfarbenen Rock mit Baumscheiben-Motiv. Der war gar nicht mal so billig. Manchmal kaufen wir ja Sachen, weil wir hoffen, dass wir uns durch sie verändern. Also nach dem Karnevalsprinzip – wir wollen so aussehen wie jemand anderes. Weil das aber nie klappt, hängen die Sachen dann ewig im Schrank.

Und auf was können Sie im Alltag nicht verzichten?

Auf Laptop, Handy und Tee. Der unverzichtbarste Gegenstand während meiner Weltreise war eine kleine silberne Teekanne. Es war ein wichtiges Ritual für mich, mir morgens und abends einen Tee zu kochen.

Was kennzeichnet die Dinge, die man wirklich braucht?

Sie vereinen Schönheit und Funktionalität, zum Beispiel die Teekanne. Ich hätte mir den Tee ja auch im Beutel und in irgendeiner Tasse überbrühen können. Aber die Teekanne hat für mich eine funktionale und emotionale Schönheit. Sie hat mich während der Reise aufgewärmt.

Von allen Verzichtideen und Selbst-Tests, die sie schon gemacht haben: Was war das schlimmste?

Schwer zu sagen. Am Ende war jedes Experiment erkenntnisreich. Ich habe ja zum Beispiel ein paar Monate vom Hartz-IV-Satz gelebt. Klar war das anstrengend, aber ich habe dabei eine Menge gelernt.

Und die Reportage, für die Sie im Swingerclub waren? War das nicht schlimm?

Auch da war ich hinterher schlauer. Man ahnt ja nicht, wie spießig Swinger sind. Sie essen Linseneintopf und Wurstbrot. Wenn man in einem Selbstversuch steckt, denkt man manchmal: Was für eine bescheuerte Idee. Danach merkt man: Es lohnt sich immer. Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun.

Mir war es ja schon ein bisschen peinlich, im Bayern-Trikot vor meiner Chefredakteurin zu sitzen … Aber im Nachhinein muss ich auch darüber lachen.

Früher bin ich zum Beispiel auch nie ohne Wimperntusche aus dem Haus gegangen. Irgendwann habe ich gedacht: Warum mache ich mich für die Welt zurecht? Der ist das ziemlich egal! Niemand findet einen so wichtig wie man sich selbst. Journalisten vergessen das oft.

Wie leicht fällt Ihnen Ihr „Mutmuskeltraining“ heute im Alltag?

Weiterhin sehr leicht. Mein Mutmuskel ist über die Jahre gewachsen. Ich treffe heute viel radikalere Entscheidungen und überlege genau: Wie kann ich meine Zeit gut anlegen? Ich muss zum Beispiel nicht mehr auf jede Party, Kater hatte ich genug. Ich bin auch wählerischer geworden, was die Jobs betrifft. Ich habe mir eine 40 Quadratmeter große Wohnung zugelegt, auch das wird eine bereichernde Beschränkung sein. Da wird ein Bett, ein Sofa und ein Tisch drinstehen. Und sonst nix. Meine Wohnung in München ist auch sehr spartanisch eingerichtet.

Und wann war das letzte Mal, dass sie etwas zum ersten Mal getan haben?

Gestern habe ich mich mit einem Buch über Hundeerziehung beschäftigt. Ich bekomme Ende Juni einen Hund. Eine ganz neue Erfahrung für mich.

Für ihr nächstes Projekt wollen Sie 12 Monate lang in 12 verschiedenen deutschen Städten leben. Wissen Sie schon, welche?

Ich möchte möglichst pro Bundesland eine Stadt besuchen. Einige stehen jetzt schon fest: Konstanz, Bamberg, Görlitz, Weimar, Bielefeld … Ich möchte auch Städte besuchen, die ich nicht auf Anhieb schön finde. Weil ich Deutschland kennen lernen möchte und die Menschen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ihr Beruf als Journalistin vor der Weltreise von einer heißen Liebe zur Versorgungsehe geworden war. Haben Sie heute wieder Herzklopfen, wenn Sie schreiben?

Ja, ich habe mich neu verliebt in meinen Job. Das hat die Reise mit sich gebracht. Der Job hat für mich heute eine völlig neue Qualität. Ich möchte mir auch in Zukunft diese Verknalltheit bewahren.

Haben Sie einen Tipp für junge Journalisten, wie man immer verliebt bleibt?

Nein, nicht wirklich. Während meiner Reise habe ich gemerkt: Selbst oder gerade im Paradies langweilt man sich. Ich hatte in Hawaii meine erste richtige Downphase. Dauerhaftes Glück ist nicht möglich. Man muss auch mal genervt sein, um den Job dann wieder zu lieben.

Was würden Sie auf Ihre allerletzte Reise mitnehmen?

Nichts! Ich will nackt ins Grab fallen, ich brauche auch kein Leichenhemdchen. Ich will einfach alles hinter mir lassen.

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5 Gedanken zu „Interview mit Meike Winnemuth: „Im Paradies langweilt man sich“

  1. Adina sagt:

    Find ich gar nicht VERFRANZT dein Interview! Sehr schön geworden.

    P.S.: Das Buch liebe ich wahnsinnig. Es ist tatsächlich das erste, dass ich nach dem Lesen nicht einfach jemandem „nur“ empfohlen, sondern noch einmal gekauft und einer sehr guten Freundin geschenkt habe.

  2. TT sagt:

    WOOOOOOOOOOOW!!!

  3. Kathi sagt:

    Super Interview und toll, dass Meike Winnemuth mitgemacht hat! Ich habe ihre Texte im SZ-Magazin sehr gerne gelesen und denke, ich werde jetzt auch noch unbedingt ganz dringend das Buch durchlesen müssen!!! 🙂

  4. berta0404 sagt:

    Vielen, vielen Dank!

  5. Horte sagt:

    In meiner altersmilde kann ich nur sagen: gute frau, gute ansichten, ist auch eine moeglichkeit, so mit der welt umzugehen …. Und sicher nicht die schlechteste.

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